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Michaela Dietl-Porträt im akkordeon magazin

In manchen Gegenden Bayerns ist die einheimische Volksmusik noch immer lebendige Tradition. Und mittendrin findet sich das Akkordeon, die "Quetsche" – "so hieß dieses Instrument bei uns zu Hause", erklärt Michaela Dietl. In der Familie hat die geborene Landshuterin das Akkordeon von klein auf als Brennpunkt des musikalischen Brauchtums erlebt: "Es gab eigentlich kein anderes Instrument. Mein Opa, meine beiden Onkels und mein Vater – alle spielten sie Quetsche. Mein Opa spielte jeden Abend vor dem Abendessen seine kleine Auswahl an Stücken. Wenn meine Oma und meine Mutter nicht gerade mit Hausarbeit beschäftigt waren, sangen sie dazu. Meine Schwester und ich liebten das. Uns wurde dabei nicht langweilig, auch wenn's immer wieder die gleichen Stücke waren." Der Roider Jackl (Jakob Roider, 1906-1975), ein durchaus zeitkritischer Volkssänger aus Niederbayern, war das volksmusikalische Idol: "Dea sogt, wia's is", hieß es in der Familie. Lebendige Volksmusik – das ist nicht nur Traditionspflege, sondern auch Ausdruck der Gegenwart.

Michaela bekam dann irgendwann eine Melodica geschenkt, zu Weihnachten. "Als ich darauf ganz schnell ein paar Liedchen spielen konnte, gab's bald darauf eine Quetsche" – obwohl das Akkordeonspielen eigentlich Männersache war. Aber "die Michaela" hatte wohl immer schon ihren eigenen Kopf: "Ich startete natürlich mit Landlern und Marschmusik. Die Pubertät half mir dann, meinen Zorn in andere musikalische Kanäle zu lenken: Tango, Paso doble, Musette, Gospel. All dies interessierte mich plötzlich viel mehr. Nach der Schule setzte ich mich immer erst mal ans Akkordeon und 'reinigte' mich." In diesen Worten steckt schon viel von Michaela Dietl: Musizieren als Ausbruch und Ventil. Bayerisch? Ja, aber nicht brav, nicht konventionell, sondern frech, unbequem und sehr subjektiv Stellung beziehend.

Schon als Schülerin trat sie mit ihrer Quetsch'n bei politischen Veranstaltungen auf – zum Beispiel gegen den projektierten Münchner Großflughafen im Erdinger Moos. "München II" war damals mindestens so umkämpft wie heute "Stuttgart 21": Tausende von Klagen wurden eingereicht, ein vierjähriger Baustopp (1981-1985) erwirkt. Michaela Dietl studierte inzwischen in München Philosophie, Germanistik und Geschichte. Als es mit dem Geld eng wurde, erinnerte sie sich wieder an ihre öffentlichen Auftritte. "Ich finanzierte mir den Rest meines Studiums dann mit Straßenmusik. Meine Lieblingsnummer war 'Summertime', manchmal traute ich mich sogar, dazu zu singen. Und mit einem zweiten Akkordeonisten zusammen begann ich auch zu improvisieren – aus Not, weil wir einfach zu wenige Stücke konnten. Bald interessierte mich das Spielen auf dem Akkordeon mehr als das Studium. Und eines Tages – während ich gerade wieder 'Summertime' spielte – beschloss ich, Profimusikerin zu werden."

Es gab um 1980 einen großen Um- und Aufbruch in der Münchner Musik- und Kleinkunstszene: Man entdeckte Dialekt und Volkstum – oft ironisch gebrochen – zunehmend als Mittel einer hinterfragenden, kritischen Haltung. Aufmüpfige bayerische Musiker wie Konstantin Wecker, die Biermösl Blosn, Georg Ringsgwandl, Haindling oder die Spider Murphy Gang suchten den Schulterschluss mit Theater, Kabarett und politischer Aktion. Auch Michaela Dietl begann 1984, für Bühnen zu spielen und zu komponieren, später auch für Filme und Lesungen. Ihre Musik erklang zu Theaterstücken von Toller, Nestroy, Ionesco, Fallada. Oder sie spielte zu Texten von Oskar Maria Graf, dem streitbaren bayerischen Pazifisten, der 1933 die Verbrennung seiner Bücher verlangt hatte, damit sie "nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen".

Das Gespür für Bühne und Publikum ist der ehemaligen Straßenmusikerin Michaela Dietl längst zur zweiten Natur geworden. Eine "Vollblut-Entertainerin" nennt sie die Presse und bestaunt die "teuflische Virtuosität" und den "sinnlichen Alpincharme" der rothaarigen Powerfrau aus Niederbayern. "Aufs Improvisieren kommt's an", weiß "die Dietl" Mit sicherem Instinkt verwöhnt, fasziniert, überrascht sie ihr Publikum durch die mal zärtlichen, mal ruppigen, mal bluesigen Töne ihrer "feschen Italienerin", wie sie ihr Akkordeon nennt. Ob Landler oder Musette oder Tango, Michaela Dietl spielt immer aus dem Herzen – mit viel Intuition und Emotion, oft melancholisch entrückt, dann wieder mänadenhaft wild. "Die direkte Sehnsucht des Akkordeonklangs entspricht vielen Frauen, die ich kenne und die dieses Instrument lernen wollen", sagt sie. "Und dass es so viele schöne Lieder dafür gibt!"

Einer, der schon früh auf das "bayerische Original" Michaela Dietl aufmerksam wurde, war der britische Experimental-Gitarrist Fred Frith, der später auch mit dem Ensemble Modern und dem Arditti Quartett arbeitete und als Professor ans Mills College in Kalifornien berufen wurde. Über einen gemeinsamen Bekannten in München lernte Frith zu Anfang der Neunzigerjahre die Musik der Akkordeonistin kennen und engagierte sie für mehrere Filmmusiken, an denen er arbeitete. "Fred ist dann von München nach Stuttgart gegangen", erzählt Michaela Dietl, "und dort spielte er einmal als Gast in meinem Soloprogramm ,Do it'. Den größten Spaß hatten wir bei einer irischen Polka. Da verstand ich, dass große Künstler über die Grenzen von Werturteilen hinwegschauen können. Dafür bin ich ihm noch immer dankbar."

Über die Jahrzehnte hat Michaela Dietl den Imagewandel des Akkordeons am eigenen Leib erfahren. "Zu Anfang meiner Spielerei", sagt sie, "war das schon komisch: Eine Frau spielt Akkordeon? Wenn sie wenigstens Geige spielen würde! Die Quetsche hatte etwas Prollmäßiges, etwas Billiges, etwas Unfeines, etwas Krachertes für viele. Mit all dem hatte ich – und habe ich noch immer – zu kämpfen." In den Achtzigerjahren war es dann aber die Musik von Astor Piazzolla, Richard Galliano, Lydie Auvray und anderen, die dem Instrument in der allgemeinen Wahrnehmung ein neues, erfrischendes Image gab. "Heute leite ich ein 17-köpfiges Frauen-Akkordeonorchester, die Nachfrage ist unglaublich", freut sich die Künstlerin. "Die Mobilität des Instruments reizt viele Frauen – und auch, dass es noch nicht so wahnsinnig viele Vorbilder gibt. Das ist ein Neuland und geht mit der Emanzipation schön einher."

Michaela Dietl ist aber nicht nur Akkordeonistin. Sie ist auch Sängerin, und mehr noch: Stimmkünstlerin, Kabarettistin, Schauspielerin, Komponistin, Texterin, Performerin – ein komplettes, "uriges" Live-Ereignis. Ihre kabarettistischen Bühnenrollen, etwa als dämonische Diva oder "b'suffas Wogscheidl" (Betrunkener), ihre Vielsprachigkeit und ihre Lautgedichte verblüffen und begeistern das Publikum immer wieder. Die "grandios freche" Art und Weise, wie sie ihre wandlungsfähige "Wahnsinnsstimme" als Klanginstrument einsetzt, hat die Journalisten schon zu einem ganzen Katalog lautmalerischer Umschreibungen angeregt: Sie reichen von "gurren, knurren, schnurren, surren" bis hin zu "knarren, schnarren, schnalzen, schmatzen". Ihre vielseitigen Talente nutzt Michaela Dietl nicht nur für ihre One-Woman-Soloprogramme (das aktuelle heißt "Von der Hand in den Mund"), sondern auch in diversen Kooperationen – etwa mit dem Deutsch-Rapper Lea-Won oder im Weltmusik-Trio die.hammerling.

Seit 2002 waren Fritz Moßhammer und Erwin Rehling als "Hammerling" im Duo unterwegs. Moßhammer – aus dem Salzburgischen – bläst Trompete, Flügelhorn, Alphorn, Muschel und Fujara (die zwei Meter lange slowakische Obertonflöte) und spielt außerdem die Maultrommel. Rehling – aus Oberbayern – glänzt als Perkussionist an Schlagzeug, Marimba, Steinspiel, Schellenbaum oder Kuhglocken. Seit 2006 aber heißen sie "die.hammerling": Michaela Dietl als Dritte im Bunde liefert der Band nun mit ihrem Akkordeon und ihrer Stimme die Basis, Füllung und Spitze. Das ist in der Tat eine Formation, in die selbst ein so unberechenbares Original wie die Dietl hineinpasst: unformalistisch, experimentell, archaisch – und stilistisch überhaupt nicht festzulegen. Gut, der Ausgangspunkt von die.hammerling ist der Alpensound, aber von dort geht es eben in alle Richtungen "über den Berg hinüber" bis nach Ostasien oder Südamerika – und das oft innerhalb eines einzigen Stücks. Die bayerische Presse findet solche gewitzten transkontinentalen Erkundungen wahlweise "irre und abgefahren" oder "skurril-verrückt, liebevoll-chaotisch, herzergreifend-traurig".

Diese Weltmusik-Band vermischt alles miteinander: Jazztrompete mit asiatischer Vokalise, Kuhglocken mit Cajun-Akkordeon, Tango mit Alphorn, Blues mit Balkan, Ballade mit Afrika. Da werden Traditionen aufgebrochen, Ethnien erfunden, Stile improvisiert, imaginäre Idiome entdeckt. "Hommage an die verlorenen Sprachen" heißt passenderweise die CD des Trios. Für die Salzburger Nachrichten war sie "eines der aufregendsten Alben des Jahres" 2010: 15 Stücke, zwischen einer und fünf Minuten Länge, unberechenbare Klangreisen von irgendwo nach irgendwo. "What a power, passion and pureness!" staunte das Folkworld-Magazin, und selbst die Zeitschrift "Jazz thing" sprach von einem "Klangrausch". Eine Band, die so leidenschaftlich aus den musikalischen Möglichkeiten des ganzen Planeten schöpft, ist nirgends einzuordnen und deshalb überall zu Hause: die.hammerling spielten gleichermaßen schon auf Folk-, Jazz-, Alpin-, Akkordeon- und Literatur-Festivals. Und das wird noch lange nicht alles gewesen sein.

Hans-Jürgen Schaal im akkordeon magazin 04-2011

Pressefotos

Michaela Dietl

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Lesungen mit Bernhard Butz


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Bridsches - Michaela Dietl und Marika Falk


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"Bridsches"
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"So wie du bist so liebst du"
Kantate von Michaela Dietl für Akkordeonorchester
SZ-Interview vom 12.03.2015 (.pdf)

"Erfrischend schön - Gelungene Uraufführung einer Kantate von Michaela Dietl in der Poinger Christuskirche" SZ-Artikel vom 24.03.2015
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